Zu meiner Person

Foto-von-Bj Rn-S Fke-251x300 in Zu meiner PersonBiographien finde ich spannend, Lebensläufe aber langweilen mich. Ich erspare Ihnen daher detaillierte, aber blutleere Informationen über meinen schulischen und beruflichen Werdegang. Ich bin in Lübeck geboren und aufgewachsen, habe in Bielefeld Psychologie studiert und meine Ausbildung in personzentrierter Psychotherapie absolviert (auch als „Gesprächspsychotherapie“ bekannt). Seit nunmehr achtzehn Jahren arbeite ich therapeutisch und beraterisch mit Männern. Ich denke, das sollte genügen – wenn Sie mehr wissen müssen, schreiben Sie mir eine Mail!

Um wirklich etwas über einen Menschen zu erfahren, muss man meines Erachtens wegkommen von den harten Fakten, den scheinbaren Eckdaten des Lebens. Daher bitte ich meine Klienten in einer der ersten Sitzungen häufig, einen „emotionalen Lebenslauf“ zu schreiben, also von jenen Dingen zu berichten, die ihnen in emotionaler Hinsicht am meisten im Gedächtnis geblieben sind, unabhängig davon, wie bedeutungsvoll diese Dinge auf den ersten Blick erscheinen mögen.

Da ein Therapeut seinen Klienten keine Aufgaben stellen sollte, an die er sich selber nicht herantraut, habe auch ich schon einen solchen emotionalen Lebenslauf geschrieben. Ich denke, Sie haben Verständnis dafür, dass ich einige Passagen herausgeschnitten habe, bevor ich nun den Text ins Internet stelle (gut, seien wir ehrlich: Ich habe etwa zwei Drittel des Textes herausgeschnitten):

1980

Im Mathematik-Unterricht steht „Mengenlehre“ auf der Tagesordnung. Die Lehrerin versucht das Thema zu veranschaulichen, indem sie die Kinder der Klasse nach Haarfarbe sortiert. Zusammen mit Carina Preskop werde ich in die Kategorie „rote Haare“ eingeteilt. Da ich zweifelsfrei wunderschöne weißblonde Haare habe (mit nur einem ganz leichten Rotstich) bin ich wütend, fühle mich missverstanden, nicht gesehen, gedemütigt. Außerdem ist Carina, bei allem Respekt, eine nervtötende kleine Zicke, mit der ich an keinem Ort der Welt alleine sein möchte, nicht einmal in einer Kategorie. Ich werde von diesen Gefühlen derart übermannt, dass ich weinend aus dem Klassenzimmer renne. Mein Ruf in der Klasse ist damit für immer ruiniert.

1983

Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, an Samstagabenden bei meiner Oma zu übernachten, selbst wenn meine Eltern gar nicht ausgehen. Meine Oma erlaubt mir nämlich, so lange fernzusehen wie ich möchte. Als ich eines Sonnabends an ihrer Wohnungstür klingele, öffnet sie mir erfreut und fragt mich lachend, ob es wieder einen Western im Spätprogramm gäbe. Ich sage schnell „Weiß nicht!“ und drücke mich an ihr vorbei in die Wohnung, damit sie die Schamesröte in meinem Gesicht nicht sieht. Sie glaubt mir, obwohl sie weiß, dass ich lüge. Ich bin erst 11 und verstehe noch rein gar nichts vom Leben, aber mir wird klar, dass dies kein Widerspruch ist, sondern Liebe. Ich besuche sie in Zukunft noch häufiger – und niemals mehr wegen eines John Wayne-Films.

1984

Ich werde an meiner Schule erpresst. Ein sehr großer und kräftiger Junge droht mir, mich zu verprügeln, wenn ich ihm nicht jeden Tag eine Mark gebe. Sechs Wochen lang bringe ich ihm jeden Morgen eine Mark – von dem Geld, das ich für ein neues Fahrrad gespart hatte. Dann beschließe ich, dass das so nicht weitergehen kann, mehr aus Vernunft und auf der Basis buchhalterischer Kalkulationen denn aus Heldentum. Ich sage dem Jungen, dass ich ihm kein Geld mehr bringen würde und es passiert: gar nichts.

Das Traurige ist, dass ich glaube, bloß Glück gehabt zu haben. Ich fühle keinen Stolz, sondern erlebe mich als schwach und minderwertig, weil ich erst nach sechs Wochen geschafft habe, was für andere ein Kinderspiel gewesen wäre. Mit meinen zwölfeinhalb Jahren verstehe ich noch nicht, dass ich etwas Großes vollbracht habe, etwas persönlich Großes, nämlich dass ich getan habe, wovor ich Angst hatte. Weil ich das noch nicht verstehe, muss ich die Lektion noch einmal lernen:

Mit 16 Jahren habe ich ein schrecklich schmerzhaftes Erlebnis bei einem Pfuscher von Zahnarzt und gehe daraufhin acht Jahre lang nicht mehr zum Zahnarzt. Erst als ich vor lauter Zahnschmerzen nicht mehr studieren kann, mache ich einen Termin. Als ich ins Behandlungszimmer geführt werde, setze ich mich nicht auf den Stuhl, sondern erwarte den Zahnarzt an der Tür. Er fragt freundlich: „Oh, hat man Ihnen keinen Platz angeboten?“ Ich sage: „Doch, doch, aber da kann ich mich heute noch nicht hinsetzen. Wir müssen erst reden!“ „Gut“, sagt der Zahnarzt, „reden wir!“; vermutlich kennt er so Schätzchen wie mich zu Genüge. Ich erzähle ihm von meiner Angst, bin erleichtert und muss irgendwann über die ganze Situation lachen: der angehende Psychotherapeut, der beim Zahnarzt erst mal „nur reden“ will. Nach einer Weile sagt der Zahnarzt: „Wollen wir denn mal einen Blick riskieren? Nur gucken, natürlich!“ Ich lasse es zu und frage am Ende: „Ist es sehr schlimm?“ Er lächelt mich wieder an und sagt: „Nun ja, ‚sehr schlimm’ ist es nicht, jedenfalls nichts, was wir nicht wieder hinkriegten. Aber ein halber Kleinwagen dürfte für mich schon dabei herausspringen!“ Er ist mir bis heute ein Vorbild dafür, Humor und Ernsthaftigkeit zu verbinden.

1985

Boris Becker steht im Finale von Wimbledon, gegen Kevin Curren, das Aufschlagmonster. Ich bin so unglaublich aufgeregt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Jeder Ballwechsel ist eine Nervenschlacht – vielleicht nicht für Boris, aber für mich. Schließlich bin ich noch jung genug, um einen Menschen wegen seines knallharten Aufschlags bedingungslos zu verehren. Gleichzeitig bin ich alt genug zu ermessen, was es für einen Jungen, kaum 4 Jahre älter und vermutlich noch männlich-leistungsorientierter aufgewachsen als ich selbst, bedeuten muss, als jüngster Spieler aller Zeiten das größte Tennisturnier der Welt zu gewinnen.

1986

Ich gucke das Fußball-WM-Finale Deutschland gegen Argentinien zusammen mit meinem Vater. In der 85. Minute erzielt Rudi Völler den 2:2-Ausgleich. Mein Vater und ich springen beide auf und umarmen uns.

1991

Ich bekomme von der Sozialarbeiterin meiner Zivildienststelle den größten (und besten) Einlauf meines Lebens, der im Kern beinhaltet, dass ich es im sozialen Bereich nicht weit bringen werde, wenn ich weiterhin meine Ernsthaftigkeit mit Hilfe meines Humors zu verstecken versuchte. Sie hat recht – und ich weiß es sofort. Ich empfinde Demut. Und Freude darüber, so wahrhaftig gesehen worden zu sein. Seitdem versuche ich, meine Ernsthaftigkeit und meinen Humor zu verbinden. Es gelingt nicht immer.

1993

Die erste große Liebe: Ein neues Leben beginnt.

1998

Im Wonnemonat Mai trennt sich meine Freundin von mir. Ende Juni muss ich meine Diplomarbeit abgeben und schaffe es daher nicht, mich auch noch um so etwas wie eine Arbeitsstelle zu kümmern. Ein Leben in Einsamkeit und Armut liegt vor mir. Wenige Tage später kontaktiert mich eine Jugendhilfeeinrichtung, die einen Therapeuten für ihre männlichen Jugendlichen sucht – ein Psychologe aus meiner ehemaligen Praktikumsstelle hatte mich empfohlen. Ich gehe zum ersten Vorstellungsgespräch meines Lebens und bekomme die Stelle. Meine Diplomarbeit gebe ich zwei Wochen vor der Frist ab. Acht Tage, bevor ich das Diplomzeugnis erhalte, gebe ich meine erste Therapiestunde. Sie läuft gut.

2002

Die zweite (und letzte) große Liebe: Ein neues Leben beginnt.

2007

Als Psychotherapeut bin ich sehr dafür, Sachen kurz und klar zu benennen, auf den Punkt zu bringen, spürbar werden zu lassen. Seit der Geburt meines Sohnes aber weiß ich, dass es Dinge im Leben gibt, die man definitiv nicht in zwei oder drei Sätzen beschreiben kann; man muss entweder ganz viel darüber sprechen oder aber schweigen. Daher sage ich an dieser Stelle gar nichts und spreche ganz viel in meinem Buch „Die Ritter des Möhrenbreis – Geschichten von Vater und Sohn“.

2008

Mein Buch „Männerseelen“ ist erfreulicherweise erfolgreich genug, um mir eine Einladung in die „Johannes B. Kerner-Show“ einzubringen. Ich soll dort zusammen mit Mario Barth über Männer reden, er soll lustig sein, ich ernst. Die Johannes B. Kerner-Show gucken fast zwei Millionen Menschen – konsequenterweise bin ich schon Monate vor dem Auftritt wie paralysiert. Noch nie in meinem Leben habe ich eine derartige Angst gehabt. Am Tag X bin ich so durch den Wind, dass ich vergesse, mein Hemd einzupacken, sodass ich eine Stunde vor Aufnahme der Sendung durch die teuerste Einkaufsstraße Hamburgs hetzen muss, um ein Hemd zu finden, das zu meinem Sakko passt. In der Show witzelt Kerner eine knappe Stunde lang mit Mario Barth herum, während ich doof daneben sitze und höflich lächele. Als ich an die Reihe kommen soll, ist die Zeit zu knapp für ein weitergehendes Gespräch, mein Buch wird nicht einmal erwähnt. Ich bin empört und gleichzeitig stolz, dieses persönliche Martyrium angegangen und überstanden zu haben.

2009

Das zweite Kind: Ein neues Leben beginnt. Ein fantastisches Leben. Ein stressiges Leben. Daher auch hier nur der kurze Verweis, wo mehr darüber geschrieben steht, nämlich in “Papa, Du hast ja Haare auf der Glatze! – Aus dem Alltag eines Vaters”.

2011

Das dritte Kind: Ein neues Leben … naja, Sie wissen schon! Aber nein, im Ernst: Es ist noch fantastischer! Aber auch exponentiell stressiger! Jetzt aber wirklich! Deshalb entschuldige ich mich schon hier und heute bei meiner wundervollen jüngsten Tochter, dass es mangels Schreibgelegenheiten wohl niemals ein Buch geben wird, in dem sie auch vorkommt. Exakt 15 Minuten nachdem abends die Wäsche weggepackt, das Geschirr gespült, das Spielzeug weggeräumt und die Arbeits-Mails beantwortet sind, fallen mir nämlich schlagartig die Augen zu. Ich decke dann schnell die beste Frau der Welt zu, die bereits nach 11 Minuten eingeschlafen ist, und lege mich daneben. Manchmal putze ich sogar noch die Zähne …

2013

3 Kinder sind toll, 3 Kinder sind wunderbar, 3 Kinder sind fantastisch, 3 Kinder sind … praktisch betrachtet mindestens eins zu viel. Zumindest, wenn man sich um jedes einzelne tatsächlich kümmern möchte … Allerdings würde es mir äußerst schwer fallen zu sagen, WELCHES meiner Kinder zu viel ist. Denn sobald ich einen einzigen Nachmittag ein einziges meiner Kinder nicht sehe, habe ich das schmerzliche Gefühl, ein Kind zu wenig zu haben! Sie sehen, es ist alles sehr verwirrend: Im Grunde ist das Leben mit drei Kindern eine alltägliche Achterbahnfahrt aus Liebe, Glück, Überforderung und schlechtem Gewissen. Zum Glück bin ich als Psychotherapeut ja ein Meister der Gefühlsverarbeitung, der Stressbewältigung und der Selbstfürsorge: Daher dauert es knapp zwei Jahre, bis sich meine psychosomatischen Rückenbeschwerden in bislang ungeahnte Dimensionen hochgeschaukelt haben und fast drei Jahre bis zu meinem ersten Tinnitus … Glücklich-Sein kann manchmal auch weh tun.

2014

Ende Januar muss ich – erstmals seit ich Kinder habe – für eine ganze Woche auf Veranstaltungsreise fahren. An einem sonnigen Sonntagmorgen fahre ich mit unserem klapprigen Zweitwagen aus der Einfahrt und winke meinen Kindern, die an der Eingangstür stehen und mir nachschauen: Mein Herz bricht unmittelbar. Erst kurz vor der Grenze zur Schweiz sehe ich wieder in Farbe.

7 Tage später komme ich nachts nach Hause und am nächsten Morgen kommen alle Kinder zu mir ins Bett gestürmt, reden parallel auf mich ein, raufen mit mir und wollen gefühlte 25 Bilderbücher mit mir angucken. Meine ältere Tochter, die für Süßholzraspelei nicht bekannt ist, umarmt mich und sagt: “Du bist der beste Papa der Welt!” Nach einer knappen Stunde werden wir zum Frühstück gerufen. Anschließend streite ich wie üblich mit allen Dreien wegen des Zähneputzens und des Anziehens, meine Tochter sagt: “Wenn ich jetzt Zähne putzen muss, bist Du nicht mehr mein bester Papa!” Ich beschließe, im kommenden Jahr wieder für mindestens eine Woche wegzufahren.

Es war nur eine Stunde – aber eine Stunde ist eine Stunde!

2014

Im Sommerurlaub klagt mein Sohn plötzlich über extreme Gelenkschmerzen. Ich selber nehme es gar nicht richtig ernst, aber meine Frau fährt sofort mit ihm ins Krankenhaus. Nachdem ich meine Töchter ins Bett gebracht habe, setze ich mich vor den Fernseher – es ist der Tag des Halbfinals gegen Brasilien. Beim Stande von 0:0 kommen meine Frau und mein Sohn zurück. Als er endlich eingeschlafen ist, berichtet meine Frau von der Diagnose: eine sehr seltene und schwer beeinträchtigende Kinderkrankheit unklaren Verlaufs. Wir verbringen den Rest des Abends im Internet – was es natürlich nicht besser macht. Zwischendurch geht meine Frau einmal ins Wohnzimmer und sagt tonlos: “Es steht 7:0 für Deutschland.” Ich sage: “Aha.”

Als ein paar Tage später Mario Götze mich – und ein paar Millionen andere Fußball-Fanatiker – zum Weltmeister macht, denke ich unmittelbar daran, meinem Sohn, der ein großer Mario Götze-Fan ist und sich in dieser Nacht mehrfach wegen Magenkrämpfen übergibt, am nächsten Morgen das Tor im Internet zu zeigen.

Nach weiteren sechs Wochen, die mein Sohn vollständig im Bett verbringt (selbst auf die Toilette muss er getragen werden), geht es ihm ein klein wenig besser, sodass wir uns draußen in die Liegestühle setzen. Als aus dem Radio Andreas Bouranis “Auf uns” erklingt, deutet mein Sohn einen Mario Götze-Jubel an – und grinst. Dieser erste Anflug von Wohlergehen nach knapp zwei Monaten des Leidens beflügelt mich so sehr, dass ich zur Musik von “Auf uns” herumblödele: “Ein Hoch auf den, der neben mir liegt – er hat die Krankheit bald besiegt – ein Hoch auf uns – auf dieses Leben!” Mein Sohn strahlt übers ganze Gesicht und singt diesen Text am selben Tag noch mehrfach – wie auch an jedem der folgenden knapp fünfzig Tage, die er noch in Liege- oder Rollstuhl verbringen muss. Monate später hören wir das Lied zusammen in einer Kinderdisco, tanzen dazu und singen “unseren Text”. Ein paar Minuten später geht mein Sohn zur DJane und bringt es – gegen jede Regel des DJings – fertig, dass “Auf uns” gleich noch einmal gespielt wird. Ich habe das 7:1 gegen Brasilien ja nicht gesehen, aber mehr Gänsehaut kann es kaum gewesen sein.

Die Erkenntnis mag ernüchternd sein oder auch wieder nicht: Das Wichtigste, das ich bisher in meinem Leben vollbracht habe, war ein lustiger Reim im richtigen Augenblick.

Foto-Download

Falls es sich nicht vermeiden lässt, dass Sie ein Foto von mir zeigen – hier ist eine Auswahl:

Hochformat

Querformat

Drinnen

Im Winter

Mit Kind

Und nein, schönere Bilder habe ich leider nicht …